Collagen, Objekte, VerwischungenDie Techniken, mit denen der Bergheimer Dietmar Paetzold arbeitet, sind sehr vielseitig. Im Gegensatz dazu beschränkt er sich in der Wahl der Materialien, die er benutzt: Zeitungspapier dient oft als Ausgangsmaterial für Collagen und Verwischungen und wird auch als Bestandteil seiner Objekte eingesetzt. Die Information, die sich darauf befunden hat, geht größtenteils verloren.
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Bruchstückhaft lassen sich noch Buchstaben, Worte, manchmal aber auch ganze Passagen erkennen. Paetzold raubt dem Informationsträger Papier seine ursprüngliche Aussage, verleiht ihm aber durch seine kreative Arbeit eine neue Bedeutung.
Der Künstler will uns mit seiner Arbeit die Folgen unserer schnelllebigen Zeit - Reizüberflutung und Identitätsverlust - vor Augen führen.
Günter Wagner
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Wirklichkeitswahrnehmung im Auflösungsprozess
Die digitale Revolution und die Vervielfachung der Medienangebote in den 80er und verstärkt in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts haben eine bis heute andauernde inflationäre Flut von Bildern mit sich gebracht, die unsere visuelle Kultur in radikalem Maße verändert und erweitert hat. Parallel dazu hat der menschliche Alltag durch die rapide sich wandelnde technische Entwicklung eine extrem starke Beschleunigung erfahren, die sich nicht zuletzt auf die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen auswirkt.
Angesichts der immensen Zunahme von Sinneseindrücken fällt die Konzentration auf ein einzelnes optisches Signal immer schwerer, gelingt es kaum noch, den ständigen Wechsel von Bildern zu durchbrechen. Nur mit Mühe können wir den persönlichen Willen zur Filterung des Gesehenen einsetzen, um so Konturen und Linien zum Nutzen der eigenen Erfahrung zu ziehen.
Mit diesem Thema der Reizüberflutung im visuellen Bereich befasst sich Paetzold in seinen Collagen, Verwischungen und Objekten konzentriert und ausschließlich. Die Materialien, die er für seine Arbeiten verwendet, beschränkt er auf Weniges: Papier aus den sog. Printmedien, also allem, was gedruckt oder abgebildet wird, oft wiederverwertbares Verpackungsmaterial, vorgefundene Behältnisse aus Glas, Kunststoff oder Holz. Paetzold wiederholt in seinen Arbeiten den Prozess der Auflösung von Wirklichkeitswahrnehmung, der in unserer Informations- und Mediengesellschaft zu beobachten ist, indem er Schrift und Abbildung mit Hilfe von Lösungsmittel vom Blatt abhebt, verwischt, verzerrt, in die Ferne rückt und schließlich zum Streifbild reduziert. Oder er zerreißt vorhandenes Bildmaterial, knüllt es, beraubt es seiner ursprünglichen Aussage, seines ehemaligen Informationswertes, reiht aneinander, füllt verschiedenste Behältnisse, dokumentiert und archiviert, gibt Zeugnis von der Flüchtigkeit der visuellen Wahrnehmung in der heutigen Zeit.
Während Paetzold die Folgen von Schnelllebigkeit, Oberflächlichkeit und Überforderung der Sinne, nämlich Realitäts- und schließlich Identitätsverlust, vor Augen führen will, entwickelt er seine Arbeiten in stoischer Ruhe und großer Bedachtsamkeit und schafft aus der Reduzierung, Fragmentarisierung und Zerstörung des vorgefundenen Materials Arbeiten einer neuen ästhetischen Qualität. Gerade das Herausstellen dieser Ambivalenz zwischen der Flut an Reizen als Problem, dem Bedauern über optisch Verlorengegangenes einerseits, gleichzeitig aber dessen künstlerische Umsetzung zu einer neuen ästhetischen Form unterscheiden Paetzolds Arbeiten beispielsweise von der Videobewegung, die bei der Bewältigung des Themas keinen Wechsel der Methode anstrebt, sondern mit Eigenschaften des auslösenden Motivs operiert: der Geschwindigkeit.
Worauf Paetzold hinaus will ist klar und unmissverständlich: Nur der Gebrauch und nicht die Erschöpfung der Sinne im Zusammenhang mit der dafür notwendigen Zeit kann zu relativer Klarsichtigkeit der realen Welt führen und nur so ist die lebensnotwendige Identifikation zwischen uns und den Dingen möglich.
© Dietmar Paetzold
Weitere Informationen finden Sie unter www.paetzold.meinatelier.de.
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